Willensfreiheit

Es gibt einige Dinge, die sich die meisten (oder vielleicht sogar alle) Menschen nicht gut vorstellen können, wie etwa mögliche Dimensionen neben den dreien des Raumes und einer der Zeit. Für Mathematiker ist es nicht das geringste Problem, mit beliebig vielen Dimensionen umzugehen, aber vorstellbar sind sie wohl nicht. Ich finde es auch schwer vorstellbar, dass es keine Willensfreiheit gibt, aber das ist genau das, was ich glaube.

Damit ich meinen Körper bewegen kann, müssen elektrochemische Signale an meinen Nerven entlangfließen. Meine Muskeln bewegen sich nur dann, wenn ein solches Signal bei ihnen ankommt. Natürlich zwingt mich niemand dazu, einen bestimmten Muskel zu bewegen - ich habe die volle Kontrolle darüber, jedenfalls über alles, was nicht zum vegetativen System gehört. Aber nach allem, was ich weiss, zwinge ich mich gewissermaßen selbst, das zu tun, was immer ich tue.

Um einen Gedanken zu haben oder Muskeln zu bewegen, müssen bestimmte Nerven "angeschaltet" werden, soviel steht fest. Aber ich kann nicht nach Belieben bestimmte Nerven anschalten, denn alle Nerven hängen in einem (neuronalen) Netz miteinander zusammen. Nur dann, wenn bestimmte Nervenzellen angeschaltet werden, wenn diese also Signale an benachbarte Zellen übertragen, können jene aktiviert werden. Von nichts kommt nichts - hier trifft es wirklich zu. Wenn der Nervenbereich, der mich an blaue Enten denken lässt, nicht aktiviert wird, kann ich unmöglich an blaue Enten denken. Aber um diesen zu aktivieren, müssen Vorkehrungen getroffen werden. Ich könnte zufällig auf dieser Seite etwas über blaue Enten lesen oder irgendwie von selbst darauf kommen, aber nur dann, wenn in meinem Gehirn bereits eine Ein-Aus-Nervenschaltung vorliegt, die einen solchen Gedanken erzwingt. Falls eine solche Schaltung (wie in meinem Fall vor ein paar Sekunden) existiert, werde ich an blaue Enten denken und nicht an rote Kühe, denn das würde eine andere Gehirnkonfiguration, einen anderen Zustand von Ein-Aus-Informationen erfordern. Entweder ich denke an blaue Enten oder an rote Kühe, abhängig vom Zustand meines Gehirn. Ich habe keine Freiheit, das zu entscheiden.

Und trotzdem kommt es mir so vor. Mein Bewußtsein schwimmt an der Front meiner Entscheidungen mit wie eine Boje, die von den Bewegungen des Wassers getragen wird. Ich entscheide etwas, mache also aus dem Scheideweg meiner vermeintlichen Möglichkeiten eine bestimmte, spezifische Realität und habe das Gefühl, meine Wahl aus freien Stücken getroffen zu haben. Das stimmt wohl auch so, denn niemand hat mich gezwungen. Aber wenn ich annehme, dass jemand meine Gehirnschaltung genau kennt (und noch eine weitere Bedingung zutrifft, die weiter unten angeführt wird), dann wird derjenige imstande sein, weitere Entscheidungen und Gedanken vorauszusehen, denn eine wirkliche Wahl habe ich nicht.

Ich glaube an den Geist als eine Entität, für die beosndere Regeln gelten, die sich in der Praxis nicht aus seinen einzelnen Molekülen ableiten lassen, aber der Geist ist nur ein Phänomen der Emergenz. Der Geist ist nicht etwas, das dem Gehirn hinzugefügt wird, sondern eine Folge der Verschaltung.

Für viele mag dieses Bild einer nicht vorhandenen Willensfreiheit unbedeutend sein, denn solange mich niemand zwingt, etwas bestimmtes zu denken oder zu tun, bin ich ja dennoch unbeeinflusst. Ob ich meine Entscheidungen nun wirklich frei treffe oder aus anderen Gründen zu ihnen gelange, erscheint möglicherweise nichtig.
Ich finde jedoch, dass sich in den Implikationen dieses Weltbildes einige dunkle Tümpel befinden, die vielleicht unheimlich wirken können.

Wie kann jemand beispielsweise verantwortlich sein für etwas, das zu tun er gezwungen war, weil er keine Wahl hatte? Denn eine Wahl haben wir nicht - allein unser Gehirnzustand entscheidet darüber, was wir denken, fühlen und tun. Kann ich jemandem wirklich dankbar sein für etwas, was er getan hat, wenn er es gar nicht hätte verhindern können? Kann ich mein Leben selbst in die Hand nehmen und meines Glückes Schmied sein, wenn es schon einen anderen Schmied gibt, der alles kontrolliert und nichts meiner Einflussnahme überlässt?

Einige Philosophen und andere Interessierte glauben, dass sich das Fehlen der Willensfreiheit nur mit der Annahme eines allumfassenden Determinismus aufrecht erhalten lässt, also mit der Annahme, dass alles, was geschieht, vorherbestimmt ist durch den Zustand des Universums zu einem früheren Zeitpunkt. Es gibt Anzeichen dafür, dass das Universum nicht deterministisch ist, dass es also so etwas wie Zufälle gibt. Sollte das der Fall sein, dann wäre eine Vorausberechnung meiner Enntscheidungen nicht möglich, weil mein Gehirn zum Beispiel von Aufenthaltswahrscheinlichkeiten von Elementarteilchen und deren Zerfall beinflusst werden würde - Erscheinungen, die bis heute einer gewissen Art von Zufall zugeschrieben werden.
Niemand könnte vorhersehen, was ich denke.

Meine Willensfreiheit indessen (oder deren Fehlen) ist davon nicht betroffen. Wenn auch der Tanz der Elemente mein Gehirn unvorhersehbar beeinflusst, ändert das nichts an der Tatsache, dass es so etwas wie Schuld, Verantwortung und dergleichen nicht geben kann. Ob ich jemanden bestehle, ist dann eben abhängig von der zufälligen Emission eines Elektrons, was eben nicht in meiner Macht liegt. Ich bin eine Maschine, ein Automat.

Manchmal, wenn ich mit jemandem darüber gesprochen habe, werde ich gefragt, wie dieses Rätsel also zu lösen sei. Die Lösung besteht ganz bestimmt nicht darin, eine Theorie zu finden, nach der die Freiheit der Gedanken möglich ist - denn das ist sie nicht. Eine wirklich befriedigende Lösung gibt es wohl nicht - ich jedenfalls versuche mich irgendwie mit dem Fehlen meines freien Willens und der Unmöglichkeit von Schuldzuweisungen abzufinden, denn darauf läuft es hinaus.