Bewusstes und Unbewusstes

Vor kurzem habe ich mit einer Freundin dieses Thema angeschnitten. Es gibt so viel zu sagen, so viele Fakten, so viele Theorien. Es ist mir gar nicht daran gelegen, die neuesten Flüstereien aus der Psychologie zu präsentieren, vielmehr möchte ich anhand einiger Ausschnitte aus meiner Sichtweise auf Phänomene, die mir interessant erscheinen, eine Vorstellung davon vermitteln, wie ich die Beziehung zwischen Bewusstem und Unbewusstem sehe.

Ich werde viele Wörter verwenden, ohne sie zu definieren, deshalb bitte ich darum, speziell diesen Abschnitt als Ganzes zu interpretieren und mir meine nicht immer adäquate Wortwahl zu vergeben.

Ich glaube, dass ich kein homogenes Wesen bin. Ich bin nicht aus einem Guss, ich bin heute jemand anders als gestern, und manchmal erkenne ich mich selbst nicht wieder.

Vielleicht sind meine Wünsche ein gutes Beispiel dafür, wie unterschiedlich die Instanzen sind, die in mir Entscheidungen treffen wollen. Das dem folgenden Modell zugrundeliegende Bild von Echse und Zebra stammt aus dem Film "Die Weisheit der Krokodile".

Die Echse

Auf der grundlegenden Ebene gibt es da so etwas wie eine Echse in mir. Sie hat einen schuppigen Panzer, Nickhäute über den Augen und ist eindeutig kaltblütig. Sie hat keine Moral, sie würde ihre Jungen fressen. Sie ist stark, sie lauert, sie packt zu, schleift davon und tötet.
Sie ist nicht böse, nein, sie kennt nur keine Empathie, versetzt sich in niemandes Lage und macht als letzte nicht die Tür zu, das ist alles. Sie will einfach nur in ihrer Höhle herumliegen oder manchmal auch jagen, töten, fressen oder Sex.
Die Echse ist da, und sie fordert den Teil meines Lebens, der ihr zusteht.
Sie ist nicht wild - man könnte sie sogar manchmal für tot halten, wenn sie reglos auf dem Boden liegt. Aber tot ist sie nicht. Ich hätte es gemerkt, wenn sie es wäre.

Das Zebra

An nächster Stelle kommt das Zebra. Das Zebra ist ein Herdentier. Es steht gerne Flanke an Flanke mit anderen Zebras zusammen und erschrickt, sobald es unerwartete Geräusche hört. Das Zebra rennt oft los zum Spielen und Herumtoben, misst im friedlichen Wettstreit seine Kräfte, zieht Kutschen und frisst aus der Hand. Es möchte rennen und springen, akzeptiert so manchen Reiter und kann sogar Kunststücke, oh ja.

Der Geist

Die Betrachtung schließt mit einer Art Geist. Der Geist hat keine Triebe, er wägt ab und kontrolliert. Im Geist ist meine Moral versammelt, mein Geist denkt vernünftig, er analysiert und begründet, er kennt Pro und Kontra und weiß, wovon er spricht. Er ist so eine Art Lichtgestalt, könnte man sagen.

Widerstreit

Diese drei Bereiche sind nicht klar voneinander abgegrenzt, vielleicht gibt es sie auch gar nicht wirklich, aber gelegentlich drängt sich mir das Bild auf, dass es in meinem Innern etwa so aussehen müsse.

Ich habe oft zur gleichen Zeit unterschiedliche Wünsche, die aus unterschiedlichen Bereichen meines Bewussten und Unbewussten kommen. Meine verschiedenen Instanzen wünschen sich unterschiedliche Entscheidungen von mir, und ich muss manchmal mehr Echse, manchmal mehr Zebra und manchmal mehr Geist sein, um ihnen Genüge zu tun.

"Mach doch einfach das, was Du möchtest", hört man häufig. Aber das finde ich gar nicht so einfach. Vielleicht will sich die Echse gerade im Matsch suhlen, während das Zebra Freunde treffen und der Geist ein Buch lesen möchte. Alles zusammen klingt nach einem Mordsgaudi, aber bisher habe ich keine Leute für derartige Aktivitäten gefunden.

Rationalisierung

Oft ist auch gar nicht feststellbar, aus welchem Lager eine Entscheidung wirklich kommt. Man hört ab und an von Fällen, in denen Menschen posthypnotische Befehle ausführen (zum Beispiel für sich selbst am falschen Datum eine Geburtstagsfeier inszenieren) und sich im selben Moment einen mehr oder weniger vernünftigen (aber falschen) Grund dafür ausdenken.

Offenbar konnte vor einiger Zeit mit Hilfe der Kernspintomographie Einblick in die Arbeitsweise des Gehirns gewonnen werden. Dabei wurde festgestellt, dass Entscheidungen oft schon, bevor man sich ihrer bewusst wird, in Gehirnregionen getroffen werden, die dem Bewusstsein nicht zugänglich sind. Im Nachhinein werden diese Entscheidungen jedoch rationalisiert, das heisst, es wird ein mehr oder weniger plausibler Grund gefunden (bzw. erfunden).

Ich bin sicher, dass unser Bewusstsein viel unternimmt, um seine Integrität zu wahren, um sicherzustellen, dass es richtig funktioniert und keine grundsätzlichen Fehler aufweist - oder vielleicht ist dieser "Filter" eher an der Grenze zwischen Bewusstsein und Unbewusstem angesiedelt. Wenn wir einen Grund haben, etwas zu tun, und wenn dieser Grund nicht ausreicht, um unserem Bewußtsein plausibel zu erscheinen, dann - so glaube ich - erfinden wir oft einen anderen (vernünftigeren) Grund für unsere Entscheidungen.

Mit dieser Strategie vertuscht das Gehirn gern Probleme, die dann umso schwieriger aufzuspüren sind. Wer kreativ ist, kann sich gute Gründe für den größten Quatsch ausdenken. Jemand könnte also mit meiner Echse und meinem Zebra herumspielen, ohne dass mein Geist es merkt, und dieser könnte sich gezwungen fühlen, eine plausible Begründung für sein Verhalten zu finden.

Ich finde es tendenziell bedenklich, dass ich nicht in der Lage bin, mir in Krisenfällen meine eigenen Motivationen und Hemmnisse vor Augen zu führen, denn wie soll ich ein Problem lösen, wenn ich nicht einmal erkennen kann, dass eines vorliegt?

Inspirationen

Das Bild von der Echse und dem Zebra habe ich dem Film "Die Weisheit der Krokodile" entnommen.
Die Quellen meiner Informationen über die Gehirnforschung und der Hypnose sind mir nicht mehr bekannt.