Zwei Welten

Ich verbringe mein Leben als Bewohner zweier Welten, wobei es manchmal schwierig ist, einen befriedigenden Kompromiß zu finden.

Nehmen wir einmal an, ein sehr intelligenter Mensch hielte mir eine Pistole an den Kopf und sagte mir, daß ich entweder sterben oder ihm die Wahrheit darüber sagen müsse, wie das Universum funktioniert.

Ich würde diesem Typen sofort  Quantenelektrodynamik, das  Relativitätsprinzip und die  Superstringtheorie an den Kopf werfen und ihm dann sagen, daß diese Theorien im Moment die brauchbarsten Modelle seien, mit denen Menschen die Welt erklären könnten, und daß er sich mit dieser Antwort begnügen müsse, da ich keine bessere hätte.

Ich glaube, daß dies die besten Beschreibungen der Naturgesetze sind, die uns zur Zeit zur Verfügung stehen, und daß die Welt (ungefähr) so und nicht anders funktioniert, wie ich auch schon im Bereich "Warum es keinen Gott geben kann" erörtert habe.

Insgeheim jedoch (wenn gerade mal nicht mein Leben davon abhängt) verbringe ich einige Zeit in Phantasiewelten, die mir Inspirationen verschaffen (z.B. für meine Songs - "I Feel Nothing At All" ist ein Zwiegespräch mit Gott) und mir eine Geborgenheit geben, die es sonst auf der Welt nicht geben kann.

Für mich sind das nicht nur Phantasiewelten, sondern ich sehe darin den eigentlichen Grund zu leben. Wenn ich tatsächlich nur in der physikalisch "echten" Welt leben könnte, sähe ich darin keinen Reiz.

Ich personifiziere Naturphänomene und lasse die Schatten tanzen, wenn ich mich wohl fühlen möchte, ich erschaffe Universen, lasse meine Träume wahr werden, schwinge mich auf in die sommerliche Nachtluft und komme nicht mehr zurück. Denn eigentlich bin ich schon längst zurück, beantworte Mails, schreibe meine Umsatzsteuer-Voranmeldung oder koche mir etwas zu Essen.

Das Leben in der Phantasiewelt muß auch gar nicht, wie viele denken mögen, besonders abgehoben sein von der normalen Denkweise des Durchschnittsmenschen.

Denn ich glaube auch, daß die Menschen durchschnittlich ungeheuer viel mehr Zeit in ihrer persönlichen, abstrakten, selbstgeschaffenen Welt verbringen, weil es ihnen naturgemäß gar nicht möglich ist, sich besonders tief in die Wirklichkeit einzufinden. Wir alle sind (glücklicherweise) Gefangene unserer Assoziationen und Gefühle, begraben und geschützt unter einer dicken Schicht aus Interpretationen und Empfindungen.

Wenn wir einen Freund sehen, freuen wir uns und machen uns keine Gedanken darüber, was das von ihm ausgehende Licht, das uns überhaupt ermöglicht, ihn zu sehen, in seinem Wesen eigentlich ist, da wir im Normalfall gar keine Vorstellungen von einem elektromagnetischen Quantum haben. Und selbst wenn wir den Elektromagnetismus benennen, haben wir nur ein Wort dafür gefunden, ihn nur benannt, statt ihn wirklich zu verstehen.

Und was ist denn das in Wirklichkeit - ein Freund? Reden wir da vielleicht von einer biophysikalischen Entität, deren Eigenschaften auf einer nicht näher spezifizierten Ebene mit den unseren harmonieren? Wenn ja, was heißt das - harmonieren? Gibt es so etwas wie eine Harmonie überhaupt in der Natur? Kümmert es die Natur, ob irgendetwas "gut zusammenpaßt"?

Weil wir sind, was wir sind - Menschen oder Tiere oder Bewohner anderer Planeten oder vielleicht denkende Computer (seid gegrüßt, Freunde), können wir nicht anders, als in einer Welt zu leben, die wir uns selbst geschaffen haben. Ich für mein Teil bin jedenfalls gern dazu bereit, diese Welt ein wenig auszubauen, um ein bißchen mehr Glück zu empfinden. Deshalb personifiziere ich manchmal meine Muse, stelle mir die Existenz des Schicksals vor, lese realitätsferne Fiktion, schaue mir Vampirfilme an und bin in allem mit dabei, statt es nur als Ausflucht in eine Phantasiewelt zu sehen.

Aber entschuldige mich nun bitte - ich habe eine Verabredung mit einem Baum ;)
[Am 19.05.2008 um 08:46 Uhr von Hexe erstellt und zuletzt am 19.05.2008 um 08:46 geändert.]
26.05.2008 - 12:05 Uhr     Kont# 3
Ich finde klasse, was Du in diesem text geschrieben hast. Es gefällt mir sehr gut, wie Du die benannte Wirklichkeit von der inneren Realität abgrenzt. Die Frage nach einer möglichen lebbaren Konvergenz dieser beider "Erlebensweisen" ist ausgesprochen interessant. Darüber würde ich mich gerne mal mit Dir unterhalten.
Dankeschön :)
Dann lass uns mal ein Wörtchen wechseln, wenn sich die Gelegenheit ergibt.


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