Auszug aus "Drachenbrut"

Toby hatte Lina auf der Geburtstagsparty einer Freundin kennen gelernt. Sie hatte mit ihren damals noch blondierten Haaren in der düstersten Ecke des Wohnzimmers gestanden und sich mit einem Mann unterhalten, den Toby nicht kannte.
Er hatte sie zunächst auch gar nicht bewusst wahrgenommen, schließlich war sie kaum zu sehen gewesen durch die vielen Leute und die ungünstigen Lichtverhältnisse. Aber irgendwann, als der Abend später, die Musik leiser und die Luft schlechter geworden war, irgendwann, als er von der Toilette wiedergekommen war und sich danach ein neues Glas Wasser aus der Küche geholt hatte, stand sie dort allein, mit dem Rücken zum Fenster und einem Stück Marzipantorte in der Hand. Sie hatte die Gabel zum Mund geführt und Toby einen Moment lang direkt angesehen.
Er konnte nicht anders – er musste hinübergehen und fragen, wo sie die Torte herhatte, denn Lina und die Torte waren die beiden süßesten Dinge, die er an diesem Abend gesehen hatte. Und das tat er auch.
„Es ist leider keine mehr da, das hier war das letzte Stück.“, sagte Lina und klopfte mit ihrer Gabel auf die Torte. „Aber du kannst die Hälfte haben, wenn du möchtest.“
Sie sah zu ihm auf, und für eine Sekunde versank er in den leuchtend grünen Augen mit dem großzügigen schwarzen Lidschatten. Dann rempelte ihn jemand von hinten, um das Fenster zu öffnen, und er stieß gegen Linas Kuchenteller. Die Marzipantorte, die Lina ihm angeboten hatte, löste sich vom Teller, streifte ihr Kinn und fiel dann in ihren Ausschnitt.
Okay, das wars dann, dachte Toby, aber Lina sah nur einen Augenblick verwundert nach unten, ohne ein Zeichen der Unruhe.
Der Anblick des Marzipans, des Teigs und der Sahne auf Linas weißen Brüsten in diesem absurden Moment drohte kurz, Toby die Fassung zu rauben, aber als Lina den Kopf hob und ihm ernst und bedächtig zunickte, wie um zu signalisieren, dass das nun mal der Lauf der Dinge und nun auch das letzte Stück verloren sei, konnte er schnell genug den Blick lösen. Einige Sekunden lang sahen sie einander an, ohne eine Miene zu verziehen, aber schließlich sagte Toby „Danke, ich würde dann gern ein Stück nehmen“, und sie mussten beide lachen.
„Warte hier auf mich“, sagte Lina und machte sich auf ins Badezimmer. Toby sah noch von hinten, wie sie sich ohne Verlegenheit ein Stück Torte mit den Fingern aus dem Kleid kramte und in den Mund schob, dann war sie verschwunden.
Warte hier auf mich…
Toby dachte nicht im Traum daran, fortzugehen. Er hätte hier eine Woche ohne Nahrung auf Lina gewartet, aber das war nicht nötig. Schon nach kurzer Zeit kam sie durch die Menge auf ihn zu; von ihrem Malheur war außer einem kleinen Fleck auf dem Kleid nichts mehr zu sehen.
„Ich bin übrigens Toby“, sagte er lächelnd, als sie bei ihm angekommen war.
„Lina“, sagte sie, nahm mit den Händen zwei Zipfel ihres Kleids und deutete einen umständlichen Knicks an.
Ihr ernster Gesichtsausdruck bei dieser eigenartigen Geste, die Tatsache, dass sie sich gerade ein Stück Torte aus dem Ausschnitt geklaubt hatte, und ihre trotz allem völlig undevote Art riefen bei ihm ein unwillkürliches Lachen hervor, und er musste noch eine ganze Weile vor sich hin grinsen, weil Lina so tat, als nehme sie das alles gar nicht zur Kenntnis.
„Du siehst nicht so aus, als würdest du wissen wollen, auf welche Musik ich stehe und ob ich allein hier bin, so wie der Typ, der mich vorhin angebaggert hat“, sagte Lina ohne Umschweife.
„Das stimmt“, versicherte Toby sofort. „Das heißt, ich würde es zwar gerne wissen, aber ich gebe mir Mühe, nicht so auszusehen.“
„Das ist gut. Das Smalltalk-Gewerbe ist ein knallhartes Business geworden. In erster Linie kommt es dabei auf Marketing, also auf Äußerlichkeiten an.“
„Wenn das so ist, scheinst du das große Los gezogen zu haben.“
„Vielen Dank. Ich trage blond, das ist der entscheidende Faktor.“
Lina nahm mit einer distanzierten Geste eine Strähne ihres Haars und zeigte sie ihm zum Beweis, als sei sie die Ausweiskarte einer Bundesbehörde.
„Hmm. Sehr trickreich“, sagte Toby mit einem nachdenklichen Blick auf die Strähne. „Blond, in der Tat.“
„Sag ich doch.“
„Und was sagst du dazu?“, fragte er und ahmte ihren objektiven, emotionslosen Stil nach, indem er auf seine Haare zeigte und die Augenbrauen hob.
„Das geht schon in die richtige Richtung“, sagte sie nach einer abschätzenden Pause, „ist aber kein Blond.“
„Das ist naturblond“, protestierte er und musste fast wieder lachen.
„Genau, naturblond. Naturblond ist kein richtiges Blond.“
Toby schüttelte überrascht den Kopf. „Warum das nicht?“
„Weil keine Absicht dahinter steckt“, sagte Lina. „Wie sollte jemand feststellen, dass du dich besonders herausgeputzt hast, wenn du jeden Tag denselben eleganten Anzug trägst?“
Toby dachte darüber nach.
„Das ist nicht dein Ernst“, sagte er dann.
„Nein“, stimmte Lina zu. Sie überlegte kurz. „Hast du Lust, von hier zu verschwinden?“
„Warum? Willst du mich loswerden?“
Lina sah ihn verschwörerisch an, und als er fühlte, dass er nickte, wusste er, dass dies ein ganz besonderer Abend war.

Anmerkung: Der Text ist als Leseprobe für Neugierige zu verstehen und wird hiermit ausdrücklich nicht zur Diskussion gestellt. Ich benötige keine Kritiken, Anregungen oder ähnliches.
Der Name "Drachenbrut" ist der Arbeitstitel des Projekts - also quasi ein Codename. Es gibt bereits eine Fantasy-Serie mit demselben Titel; der obige Text steht in keinerlei Zusammenhang mit der Serie, und ich, Fabian Kölle, habe auch nichts mit der bestehenden Serie zu tun, habe sie also weder geschrieben noch gelesen ;)
[Am 01.04.2009 um 15:39 Uhr von Hexe erstellt und zuletzt am 01.04.2009 um 15:39 geändert.]
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